Pfarrgemeinderat

in der Erzdiözese Wien


Termine

Samstag, 18. Januar 2020
AVISO: Fachtag Liturgie im Vikariat Süd
- mehr …
Freitag, 24. Januar 2020
Vikariat Süd: Lektorenkurs
- mehr …
Freitag, 24. Januar 2020
Vikariat Wien-Stadt: Ausbildungskurs für Begräbnisleiter/innen
- mehr …
Samstag, 25. Januar 2020
Vikariat Wien-Stadt: Kommunionhelfer/innen-Grundkurs
- mehr …
Samstag, 15. Februar 2020
Vikariat Süd: Brot und Wein - Erlebnisnachmittag für Erstkommunionkinder
- mehr …

Referat von Bischof Mag. Herwig Sturm

Ökumenischer Fachtag „Kult und Kultur“ -
christliches Feiern als Quelle gemeinsamen Lebens

Ausschuss Ökumene des Vikariats Wien-Stadt am 20. Oktober 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,

in einem ersten Zugang zu diesem Thema möchte ich beschreiben, was ich traditionell unter der Evangelischen Kultur des Glaubens verstehe.
In einem zweiten Schritt frage ich, warum wir heute nicht mehr ungebrochen in dieser Kultur leben.
In einem dritten Schritt versuche ich tiefer nachzufragen, worin denn die Wurzeln evangelischen Glaubens und evangelischer Kultur liegen.
In einem vierten Schritt will ich exemplarisch Begegnungsfelder aufzeigen zwischen Kultur und Glauben.
Und in einem fünften einige Anfragen stellen, wo christliches Feiern heute zur Quelle gemeinsamen Lebens werden könnte.
Den Begriff „Christliches Feiern“ verstehe ich in ökumenischer Weite und mit dem Ausdruck „Gemeinsames Leben“ verbinde ich auch die gesellschaftliche Mitgestaltung durch den christlichen Glauben.

1. „Sichtbar Evangelisch“
haben wir unser Bemühen nach Identität du Erkennbarkeit unserer Kirche genannt, als wir im Advent 1998 ein neues Logo entwickelt haben und es seither auf dem Briefpapier, auf unseren Gemeindebriefen und sogar am Revers tragen.

Was ist sichtbar evangelisch?

Die schlichten Kirchen, die Dominanz der Sprache im Gottesdienst, die Farbe schwarz bei den Amtskleidern. Das Bemühen um die Verständlichkeit der Verkündigung sowohl in der Sprache wie auch im Inhalt, das gemeinsame Singen, der Choral, die Kirchenmusik.
Die große Bedeutung der Bildung, um selbst zur Quelle des Glaubens zu gelangen;
vom Quellwasser des Glaubens trinken und da seines Heils in Zusage und Berufung gewiss werden.
Bibelsprüche, die Lebensabschnitte begleiten; Taufspruch, Konfirmationsspruch, Trauungsspruch, das Erlernen von Liedtexten, das Lernen von Bibeltexten,
die tägliche Losung, die stille Zeit mit Bibellese und Gebet in der persönlichen Frömmigkeit.
Kritische Prüfung der Tradition einschließlich der Bibel selbst, das ständige Ringen um das rechte Verstehen des Wortes Gottes und seiner Auswirkung in der Geschichte.
Ein starkes Engagement zur Gestaltung der Welt, vor allem in der Diakonie, aber auch gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Befreiungs- und Reformbewegungen.
Gleichberechtigung von Ordinierten und Nichtordinierten auf allen Ebenen der Gemeinde und Kirche bis in die Kirchenleitung. Die Gemeinde ist der Souverän, Entscheidungen fallen durch Abstimmungen, im guten Fall durch den magnus consensus;
Personalentscheidungen werden durch Wahlen gefällt.

Theologisch steht die Christologie, besonders die Lehre von der Rechtfertigung im Zentrum: allein aus Gnaden, allein durch Christus, daraus folgt die Bedeutung der persönlichen Glaubensaneignung in Vertrauen und Gewissheit.
Hohe Wertschätzung genießt der erste Artikel: Dank für Schöpfung, Verantwortung gegenüber der Ehre Gottes, die jede Verzweckung und Vereinnahmung Gottes verbietet.

Weniger Bedeutung hat der dritte Artikel, das hängt auch mit der Ablehnung des Schwärmertums in der Reformationszeit zusammen, sehr wohl aber hat das Prophetische Amt in kritischer Solidarität mit Macht und Kultur in den Kirchen der Reformation eine bleibende Bedeutung und Kraft entwickelt.

2. Diese evangelische Kultur des Glaubens muß heute in einem veränderten Kontext neu gebildet werden. Diese Veränderung beschreibe ich hier exemplarisch und in aller Kürze.

1. Die Säkularisierung
In unserer Geschichte und Kultur des Humanismus und der Aufklärung übernimmt der autonome Mensch die Verantwortung für die Weltgestaltung, bis hin zu den letzten Fragen selbst und übernimmt nicht widerspruchslos und nicht unreflektiert fremde Maßstäbe, Werte und Gesetze.

2. Der Pluralismus – die heutige Welt ist geprägt von der Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit verschiedener kultureller und religiöser Welterfahrungen und Weltbilder. Die Menschen suchen sich ihr Selbstverständnis, ihre Beziehung zum Unsagbaren, ihre Wertvostellungen gleichsam aus dem Supermarkt der Angebote selber zusammen; daraus entsteht aber auch eine wachsende Vereinzelung, eine Desorientierung und Unsicherheit, die wiederum zu einer Suchbewegung nach den Fundamenten führt, also zu neuen Fundamentalismen politischer und religiöser Art.

3. Wir sind umgeben von einer Welt der Bilder; der grellen Impulse – etwa in der Sexualisierung der Werbung – und insgesamt von einer Technikgläubigkeit, in der nur das Zähl- und Messbare wirklich ist.

4. Weltweite Kommunikation

3. „Ad fontes“

Zurück zu den Wurzeln des evangelischen Glaubens
(für die folgenden Ausführungen habe ich das Heft Gestaltung und Kritik zum Verhältnis Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert, das die EKD im Jahr 1999 herausgegeben hat gehalten)
Der Apostel Paulus beschreibt das Wesen christlicher Gottes- und Welterfahrung mit den drei Begriffen Glaube, Hoffnung und Liebe.

Gottes schöpferisches JA zu dieser Welt, seine Treue zu uns Menschen trotz allen Versagens und aller Schuld, die Verheißung einer Vollendung dieser Welt in Gerechtigkeit und Frieden sind Grundlage unseres Glaubens und Quelle der Kraft unserer Liebe und Hoffnung.
Im Kreuz Jesu erkennen wir Gottes rückhaltlose Selbsthingabe, in Jesus Christus hat Gott sich selbst den Folgen von Sünde, Schuld und Hass ausgesetzt und in der Auferstehung Jesu Christi und in der Berufung der Jüngerinnen und Jünger in seine Nachfolge die Versöhnung verwirklicht, aus der wir selber leben und die wir miteinander und für die Welt zu gestalten uns bemühen.

Dieser Glaube befreit von der angestrengten Sorge um sich selbst, Christen brauchen ihr Heil nicht mehr zu erarbeiten, sie können es dankbar annehmen und der Welt mitteilen.
Das geschieht in der Liebe als Dienst am Nächsten. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Weil Gott mich bejaht in Jesus Christus, darum kann ich Ja sagen zu mir selber, aber auch Ja zu jedem anderen Menschen und ihn in seiner besonderen Würde und seinem Lebensrecht annehmen.
Hoffnung ist das angstfreie Verhältnis des Glaubens zur Zukunft. Die Zukunft ist voller Gefahren, das weiß jeder; die Versuche, diese Gefahren zu überwinden und ein heilvolles Zukunftsreich aufzurichten, haben bisher zumeist zu Feindschaft, Unmenschlichkeit und Vernichtung geführt.
Christliche Hoffnung lässt die Zukunft offen; für das Omega als sicheren Gegenpol zum A. Das Reich des Gottes, der, wie Paulus im Römerbrief Kap. 4, 17 schreibt: „ die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei.“
Sein ist die Zukunft, unsere ist die Gegenwart, die wir im Glauben und in Liebe zu gestalten haben.

Folgerungen – Das Verhältnis von Glaube und Kultur im Protestantismus wird in einer Denkschrift der EKD aus dem Jahre 1999 beschrieben mit den Worten „Gestaltung und Kritik“.
Kultur wird dabei definiert als, Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens und Handelns, sofern es durch menschliche Zeichen bestimmt und durch symbolische Kommunikation reproduziert wird.

4. Begegnungfelder –

Bei diesen Ausführungen beziehe ich mich auf eine Schrift der EKD aus 1999 mit dem Titel „Gestaltung und Kritik“
Diese Denkschrift nennt acht Begegnungsfelder, wo heute christlicher Glaube und Kultur einen gemeinsamen Raum der Gestaltung und Kritik haben. Ich will diese acht Felder hier kurz streifen, und dann einen Schritt in das gemeinsame nämliche ökumenische Feiern und Leben tun.

Begegnungsfeld 1 –Religion
Religion ist das Verhalten des endlichen Menschen zum transzendenten Grund seiner Existenz. Christliche Kultur erlaubt es, eine Beziehung zu Unverfügbarkeit menschlichen Lebens aufzubauen.
Hier sind vor alle die religiösen Symbole, Riten und Feste wichtig: bezogen auf die Biografie, Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung, bezogen auf den Jahreskreis, Weihnachten, Ostern, Erntedank, Reformation usw.
Das Ritual analysiert die Emotionen und stabilisiert eine verlässliche Ordnung und bekräftigt den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Das Ritual ist statisch, die Welt aber bewegt sich. Darum heißt es im kleinen Katechismus Martin Luther zur Taufe: „Wasser allein tuts freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser trauet.“ Es braucht also zum immer gleichen Ritus die aktuelle Predigt, die Glauben weckt und so Gotteserfahrung möglich macht.

Begegnungfeld 2 – Gedenkkultur
Eine christliche Kultur des Gedenkens erinnert an die Opfer; die Bewältigung der Vergangenheit ist Anstoß für verantwortliches Handeln in der Gegenwart.

Auch hier ist Kritik angebracht, wenn im Gedenken die Taten und die Täter verschwinden und die Routine des Erinnerns in kollektives Verdrängen umschlägt.

Ein positives Beispiel ist die Aktion „Letter to the stars“ wo der 60.000 Wiener Juden, die im Nationalsozialismus umgebracht so gedacht wurde, dass Schüler einzelne Adressen aufgesucht haben und nach diesen Menschen gefragt und ihre Recherchen aufgeschrieben haben. 60.000 Luftballons waren konkretisiert durch persönlich recherchierte Schicksale und widerstehen so einem kollektiven Verdrängen.

Begegnungfeld 3 – Kunst
Kunst und Religiösität drücken je auf ihre Weise aus, was uns unbedingt angeht. Beide, vor allem die moderne Kunst stimmen darin überein, dass sie eingespielte Selbstverständnisse in Frage stellen und das Alltagsbewusstsein aufstören.
Interessant ist hier die Beobachtung, wie Kunst auch zum Religionsersatz werden kann, wie heute Galerien und Kunsthallen Pilgerströme in Bewegung setzen und als Orte der Andacht besucht werden. Die Rituale des Eintretens, Garderobe und Foyer und des Verlassens Museumsshop und Cafe und dazwischen die respektvolle Stille in den Räumen in denen Andacht und Erbauung im Durchgehen erlebt wird.
Eine große Chance für Begegnung hier sind die Kirchen selbst, der Kirchenraum als Ausdruck künstlerischer Gestaltung und religiöser Erfahrung.

Die nächsten Begegnungsfelder zähle ich nur auf.
Jugendkulur, Bildung und Wissenschaft, die Welt der Medien, Sport und Spiel und nicht zuletzt Alltag und Sonntag.

5. Quelle gemeinsamen Lebens

Mit den beiden letzten Begegnungfeldern schlage ich den Bogen zu einem Ökumenischen Lebens:
Die Aktion Freier Sonntag, Zeit die zählt ist eine ökumenische Allianz für ein öffentliches Bewusstsein um den Wert gemeinsamer freier Zeiten und um die Erhaltung einer Zeitkultur als unverzichtbares Element eines menschenwürdigen Lebens .
Und was den Sport betrifft so bereiten sich schon einige evangelikale Kirchen auf die Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich vor und ich hoffe, dass wir hier eine ökumenische Gestalt finden, dieses Sportereignis auch zu einem Ereignis der Begegnung, der Fairness und des Gotteslobes zu gestalten.
Die Kritik und der Widerstand der Kirchen wendet sich gegen einen Kult des Siegens,
die Vergötzung der Überlegenheit über den anderen statt der Freude an der Begegnung,
die zuletzt oft ausartet in Gewalt während des Spieles und danach.
Die personale und soziale Dimension gilt es zu schützen und in ihrer Schönheit zu bewahren. Eine wahrhaft ökumenische Aufgabe.

Eine ganz große ökumenische Herausforderung, die gar kein Geld kostet und doch eine wichtiges Zeichen wäre ist die Vereinheitlichung des Festkalenders.
Es ist einfach bitter, dass wir Ostern feiern und die orthodoxen Schwestern und Brüder noch fasten und Weihnachten erst recht. Der Ökumenische Rate der Kirchen hat in der letzten Vollversammlung in Porto Alegre dieses als eine der drei großen Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft benannt. Ein gemeinsamer Oster- und Weihnachtstermin.
Der zweite Wunsch war die Anerkennung der Taufe.
Die Taufe ist das ökumenische Sakrament, und noch immer nicht von allen Kirchen gegenseitig anerkannt. So wie wir heute ökumenisch verbunden zusammen gekommen sind, so könnten doch bei jeder Taufe Vertreter der Schwesterkirchen eingeladen werden und ihren Segen sprechen, um zu zeigen du gehörst zu dem Leib Christi der alle Völker und erst recht alle Kirchen umgreift.

Erst recht gilt das für den Tisch des Herrn, die Eucharistie, das heilige Abendmahl
Er ist die Verleiblichung von Glaube, Hoffnung und Liebe und ohne Gemeinschaft an diesem Tisch fällt auf alle unsere Feiern der Schatten, dass wir auch als Christen noch immer Mehr aus dem eigenen Sinnen und Gestalten leben als aus dem Geschenk der Versöhnung und des Friedens.

Aber ich will nicht undankbar sein; dass wir heute in ökumenischer Freude und Gemeinschaft solche Themen besprechen, ist für mich ein Grund der Freude und des Dankes.

Ich danke Ihnen.