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Über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt

Ein nicht nur katholisches Problem

In dem repräsentativen und vielbändigen Kirchenlexikon aus dem Jahr 1891 findet sich unter dem Stichwort "Laien" allein der Verweis: "siehe Clerus". *1 Der Laie als solcher war vor rund 100 Jahren in Theologie und Kirche offensichtlich kein Thema, er war allein durch sein Nicht-Priestersein definiert. Von hier aus war es ein weiter Weg, bis sich im Jahr 1987 eine eigene Bischofssynode in Rom und im Dezember 1988 ein päpstliches Rundschreiben "Christifideles laici'' "über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt" äußerten.

Im evangelischen Bereich hat die Diskussion eine in manchen Hinsichten parallele Entwicklung genommen. Die Reformation war zunächst von der Bemühung bestimmt, auch den Laien, den Nicht-Amtsträgern und Nicht-Theologen, den ihnen zustehenden Platz in der Kirche wieder zu eröffnen, ihnen einen Zugang zum Wort Gottes im Evangelium zu erschließen. Dennoch haben zu Beginn unseres Jahrhunderts auch evangelische Theologen und Kirchenmänner geklagt: "Die Laien bleiben Objekt. Es ist furchtbar schwer, unsere Laien mobil zu machen," *3 Nach dem Zusammenbruch von 1945 wurde erneut intensiv über die Aufgabe der Laien in der Gestaltung von Kirche und Welt nachgedacht, der 1948 gegründete Ökumenische Rat der Kirchen hat sich vor allem auf seinen beiden ersten Vollversammlungen mit der "Bedeutung des Laiendienstes in der WelÜ beschäftigt und dazu einen eigenen "Laienrat" ins Leben gerufen. Obwohl die Frage nach dem Laien zunächst im katholischen Denken als ungelöstes Problem erscheint, erweist sie sich im Grunde doch als eine "Bewegung der Gesamtchristenheit". *4

Eine biblische Besinnung

Unser Begriff "Laie" leitet sich letztendlich vom griechischen Wort "laós" ab, und dieses bedeutet "Volk". Laie ist also, wer zum Volk gehört. Das Wort laós hat im biblischen Denken dabei einen höchst positiven Bedeutungsgehalt. Es bezeichnet an allen theologisch wichtigen Stellen nicht die einfachen Leute, oder gar die primitiven Volksmassen im Gegensatz zu den Führern, sondern das auserwählte Volk, das Volk Gottes im Gegensatz zu den Heiden, den "Nationen". Es gibt nur ein Volk, einen laós, neben ihm stehen die éthne, die heidnischen Nationen. Israel ist im Alten Testament das Volk schlechthin.

Auch im Neuen Testament werden die Gott zugehörigen Menschen, jene, die an Christus glauben, als laós bezeichnet. Nun erscheint die christliche Kirche als das Volk Gottes. Gott selbst hat sich "aus den Heiden ein Volk für seinen Namen" bereitet (Apg 15,14). Und Paulus schreibt: "Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: ,Ihr seid Nicht-mein-Volk', dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden" (Röm 9,25f.). In diesem theologisch gefüllten Sinn betrachtet ist "laós" der höchste Ehrentitel, der einem Christen gegeben werden kann. Man ist Laie, wenn man zum Volk Gottes gehört, wenn man an Christus glaubt und von ihm berufen ist. Insofern sind alle, selbstverständlich auch die Amtsträger, "Laien". Der Begriff Laie unterscheidet die Gläubigen von den Ungläubigen, das Volk vom Nicht-Volk, die Christen von den Nicht-Christen. Er bezeichnet aber nicht unterschiedliche Stände innerhalb der Kirche.

Nun leitet sich aber unser Begriff "Laie" nicht direkt von laós her, sondern von dem Adjektiv "laikós ... .. zum Volk gehörig". Dieser Begriff umschließt Dinge und Personen, die keinen Bezug zum Gottesdienst haben. Laikós ist die Landbevölkerung im Gegensatz zu den führenden Kreisen in der Stadt. Dieser Begriff laikós, aus dem sich unser Wort Laie entwickelt hat, findet im Neuen Testament keine Verwendung. So etwas wie eine innerkirchliche Differenz zwischen einer führenden Schicht, die für den Gottesdienst zuständig ist, und der breiten Masse des einfachen Volkes, die dazu keinen Zugang hat, ist mit dem Bild der Kirche, wie es das Neue Testament zeigt, nicht vereinbar. Hier gilt vielmehr, dass alle "Brüder und Schwestern" sind. Innerhalb dieser Gemeinschaft der Brüder und Schwestern haben manche Glieder besondere Aufgaben, bestimmte Charismen und Ämter. Die Bezeichnungen für diese Funktionen sind im Neuen Testament noch fließend, die Aufgaben noch nicht eindeutig voneinander unterschieden. Während aber diese Funktionen und Ämter eigens benannt werden, gibt es keine gemeinsame Bezeichnung für alle jene, die keine derartigen Funktionen ausüben. Sie sind eben die Getauften, die Glaubenden, die Christen, die Brüder und Schwestern, das Volk, innerhalb dessen die Amtsträger gewisse Aufgaben zu vollziehen haben. Diese sind um der Brüder und Schwestern willen da, haben ihnen zu dienen, sie werden durch ihre Aufgaben für die Brüder und Schwestern definiert.

Geschichtliche Entwicklungslinien

Diese Sicht der Kirche wurde im Laufe der Kirchengeschichte durch eine Struktur überlagert, in der das Amt immer mehr Vollmachten in sich vereinigte. *5 Schon vom dritten Jahrhundert an wird in der Kirche das Wort "Bruder" nicht mehr als Anrede für die Christen untereinander verwendet.

"Das ist nicht mehr die alte Bruderschaft der Gläubigen, was sich hier zeigt." *6 Jetzt bringt der Begriff "Volk" nicht mehr die Einheit der Kirche und ihre Differenz zu den Nicht-Glaubenden zum Ausdruck, sondern eine ständische Gliederung innerhalb der christlichen Gemeinde. Seither verstehen sich die Amtsträger nicht mehr als laós, und zurück bleiben die Laien im modernen Sinn des Wortes. Doch zunächst war die Differenzierung in Laien und Klerus noch umfangen von der Gemeinschaft innerhalb der Kirche. Für die Alte Kirche galt es als göttliches Gebot, dass niemand zum Bischof bestellt werden konnte, der nicht von den Gemeinden gewählt und von den Bischöfen der Region angenommen und von ihnen ordiniert wurde. Die Gemeinde konnte nicht sein ohne ihren Bischof, der Bischof nicht ohne die Zustimmung der Gemeinde. Das Volk, die Laien, trugen noch alle wichtigen Entscheidungen mit, sie waren keineswegs nur gehorsame Empfänger oberhirtlicher Anweisungen.

Gang nach Canossa

Diese frühmittelalterliche Einheit wurde im Investiturstreit zerschlagen. Papst Gregor VII. kämpfte mit allen *7 ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen die sogenannte Laieninvestitur, das heißt gegen die Praxis, dass die Bischöfe durch den Kaiser beziehungsweise den König eingesetzt wurden. In diesem Kampf gegen althergebrachte Rechte des Königs hat Papst Gregor VII. keineswegs einen Missstand beseitigt, sondern er hat die Ordnung, auf der die frühmittelalterliche Verfassung von Kirche und Reich beruhte, fundamental in Frage gestellt. Er hat einen bis dahin unbekannten Machtanspruch des Papstes über die gesamte Kirche, die geistlichen wie die weltlichen Herrscher, erhoben. Der geistliche Bereich ist demnach als ganzer dem weltlichen überlegen. Als Angehöriger des weltlichen Standes ist der Kaiser Laie und nichts als Laie, und noch der letzte Kleriker ist ihm überlegen. Canossa wurde zum Symbol für den Zusammenbruch der Einheit von geistlicher und weltlicher Vollmacht und für die Entgegensetzung beider Gewalten. Einen Höhepunkt fand diese Entwicklung bei Papst Bonifaz VIII., der in der Bulle "Clericis laicos" feierlich feststellte: "Dass die Laien den Klerikern bitter feind sind, überliefert das Altertum, und auch die Erfahrungen der Gegenwart geben es deutlich zu erkennen." *7 Selbst wenn konkrete politische Auseinandersetzungen derartige Formulierungen mitbestimmt haben, so war damit auch theoretisch eine Entgegensetzung in gegnerische, wenn nicht gar feindliche Stände festgeschrieben.

Auf der einen Seite stehen nun die Kleriker, die rechtmäßig geweiht sind, die ein Leben nach den Regeln der evangelischen Räte in christlicher Vollkommenheit führen. Daneben gibt es die breite Masse der Laien, die im "Stand der Unvollkommenheit" leben, was letztlich nur als Zugeständnis an die menschliche Schwäche akzeptiert werden kann. Wer sich mit weltlichen Dingen beschäftigt, lässt sich von dem ablenken, was im Grunde allein nötig ist, er hat keinen Anteil an der Ordnung des Heiligen. Vor allem die Ehe wurde trotz ihrer Bewertung als Sakrament im Grunde doch nur in Kauf genommen.

Es gibt wohl Entschuldigungsgründe dafür, dass die meisten Getauften "nur" Laien sind. Aber das wahre Bild des Christen wird offiziell vom Kleriker bestimmt. Wer ihn betrachtet und sein Leben recht würdigt, dem entgeht nichts, was christliche Existenz bestimmt. Der Kleriker ist der volle Christ, der Laie ist es insoweit, als er mit dem Kleriker übereinstimmt. Was ihn von diesem unterscheidet, begrenzt und verdunkelt auch sein Christsein. Nachdem die Zeit der frühchristlichen Märtyrer zu Ende war, entstammten fast alle Heiligen als Vorbilder des Glaubens dem Klerikerstand: es sind Ordensgründer, Mönche und Ordensfrauen, Bischöfe oder Päpste. Der Laie scheint, wenn auch nicht prinzipiell, so doch faktisch, kaum noch einen Zugang zur Heiligkeit zu haben.

Gegenbewegungen

Angesichts dieser Entwicklung musste es zu Gegenbewegungen, zu einer Profilierung der Laien gegenüber dem Klerus kommen. Dies geschah in der Alten Kirche in den Orden, die dem Laienelement entstammen. Die Zugehörigkeit des Mönchs zu den Laien wurde am drastischsten von dem um das Jahr 435 gestorbenen Johannes Kassian formuliert, demzufolge der Mönch vor allem den Bischof und die Frau fliehen müsse. Aszese, Ehelosigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zum Klerus prägten den Mönch in gleicher Weise.

Schärfer wurde die Kontroverse im hohen Mittelalter in den Armutsbewegungen. Sie waren geprägt von dem Bewusstsein, dass die rechte apostolische Kirche dort verwirklicht ist, wo man lebt, wie die Apostel gelebt haben, das heißt, wo man arm ist wie sie. Apostolizität der Kirche sah man nicht garantiert durch eine lückenlose Amtssukzession der Bischöfe, auch nicht in einer Identität der Lehre mit der Botschaft der Apostel, sondern darin, dass die Kirche heute so lebt, wie die Apostel gelebt haben. Im rechten Leben erweist sich der Besitz des Geistes. Nur wer arm ist wie die Apostel, ist demzufolge rechter Nachfolger der Apostel, ist wahrer "Geistlicher" und hat damit das Recht, das Wort Gottes zu verkünden, also öffentlich zu predigen. Radikale Richtungen profilierten sich in hohem Maße kirchenkritisch: nicht der Klerus, nicht die Bischöfe und der Papst wurden als die rechten Nachfolger der Apostel anerkannt, denn sie sind reich, sondern allein die Bettler um Christi willen. Nicht heilige Weihe, sondern rechtes Leben macht den Apostelnachfolger. Im Rahmen der Bettelorden konnte die Armutsbewegung auch in der Kirche ihren Platz finden, allerdings um den Preis der Ordensbildung. Damit übernahm sie eine feste Struktur und wurde in den Klerus eingegliedert. Doch den Ausgangspunkt hatten sie in der Laienschaft genommen.

Die "Katholische Aktion" und die Neubesinnung im Zweiten Vatikanum

Im 19. und 20. Jahrhundert hat man sich wieder stärker auf den Laien und seine Bedeutung besonnen. Die Säkularisierung und die Erfahrung, dass die Priester nicht mehr in der Lage waren, der Gesellschaft in allen ihren Bereichen die christliche Botschaft zu vermitteln, wurden dafür zum Anlass. In den Familien, an den Arbeitsplätzen, in der Kultur, der Politik waren die Priester kaum noch präsent. Hier sollten nun in der "Katholischen Aktion" die Laien die christliche Verkündigung wahrnehmen, sie in die Praxis umsetzen und in der Welt vergegenwärtigen. Doch dieses Laienapostolat sollte ausschließlich in Unterordnung unter die Hierarchie vollzogen werden können. Es gibt - so die kirchenamtliche Konzeption - nur ein Apostolat der Kirche, das Christus dem Papst und den Aposteln anvertraut hat. Diese üben es überall dort aus, wo es ihnen möglich ist. Darüber hinaus delegieren sie die ihnen verliehene Vollmacht weiter an die Laien, damit diese in ihrem Auftrag die Welt und die Gesellschaft verchristlichen. Das Laienapostolat ist also die "Teilnahme der Laien am hierarchischen Apostolat", die Katholische Aktion wurde verstanden als "ein Werkzeug in der Hand der Hierarchie, sie soll gleichsam die Verlängerung ihres Armes sein, sie ist deshalb ihrer Natur gemäß der "Leitung der kirchlichen Obrigkeit unterstellt". Die Mitarbeit der Laien war jetzt also durchaus erwünscht, aber nur, wenn sie in voller Unterordnung unter die Hierarchie erfolgte. Aufbrüche von unten, wie sie in den katholischen Verbänden im 19. Jahrhundert geschahen, wurden nach wie vor beargwöhnt und verurteilt. Der Laie war jetzt geschätzt, aber er war es nach dem Wort Papst Pius' XII. als "verlängerter Arm der Bischöfe" *8. Er hat seine kirchliche Vollmacht allein aus Delegation durch die Hierarchie, der alle Gewalt ursprünglich eignet, und die sie jederzeit wieder an sich ziehen kann. Sowohl vom Wesen als von der Art der Ausführung ist das Laienapostolat vollständig von der Hierarchie abhängig. Weil dieses Modell vom verlängerten Arm der Bischöfe auf die katholischen Verbände nur bedingt zutraf, taten sich Kirchenleitungen und Theologen so schwer mit ihnen; sie fanden keinen rechten Platz für sie.

Gemeinsame Würde

Dieses Bild des Laien bestimmte die katholische Theologie bis zum Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils, das mit dieser Konzeption einfachhin gebrochen hat. Das Konzil bestimmte die Kirche nicht mehr von der Hierarchie her, sondern sah in ihr eine geistliche Wirklichkeit, die sich über die organisatorisch-institutionelle Dimension hinaus erstreckt, und das Volk Gottes. Noch vor jeder Differenzierung in einzelne Aufgaben, Funktionen, Charismen und Ämter ist die Kirche zunächst Mysterium und ist sie Volk Gottes, in dem alle als Brüder und Schwestern einander gleich sind. Hatte man bisher die Kirche als Gesellschaft von Ungleichen bezeichnet, betonte das Konzil die "wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi" (Lumen Gentium 32). Diese fundamentale Gleichheit geht nach dem Konzil jeder Unterscheidung in verschiedene Stände voraus. Darum gilt alles, was in der Kirchenkonstitution "über das Volk Gottes gesagt wurde, in gleicher Weise (für) Laien, Ordensleute und Kleriker'' (Lumen Gentium 30). Damit hat im Konzil die Sendung der Laien eine völlig neue Grundlage gefunden. "Der Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst. Zu diesem Apostolat werden alle vom Herrn selbst durch Taufe und Firmung bestellt" (Lumen Gentium 33).

Entscheidend ist hier das betonte "selbst". Damit ist das Konzept der Katholischen Aktion, demzufolge die Laien nur Anteil erhalten am Apostolat der Hierarchie und von ihr delegiert werden können, schlechterdings überwunden, die Vorstellung vom "verlängerten Arm der Bischöfe" kommt nicht mehr vor. Die Laien sind "vom Herrn selbst mit dem Apostolat betraut", sie haben "Pflicht und Recht zum Apostolat ... kraft ihrer Vereinigung mit Christus dem Haupt" (Apostolicam actuositatem 3). So können die Laien sogar als "wahre Apostel" bezeichnet werden.

Was ist ein Laie?

In seiner Aufwertung des Laien und in seinem Rückgriff auf biblische und altkirchliche Gemeindemodelle hat das Zweite Vatikanum in Kauf genommen, dass nun der Begriff "Laie" unscharf wurde, ja dass er sich einer Definition mehr und mehr entzog. War der Laie vor dem Konzil einfachhin der Nicht-Priester, der NichtKleriker, hat man nun versucht, ihn durch seine Einbeziehung in das Volk Gottes und durch seine Teilhabe am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi positiv zu bestimmen. "Unter der Bezeichnung Laien sind hier alle Christgläubigen verstanden mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes, das heißt die Christgläubigen, die, durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben" (Lumen Gentium 3 1). Doch dies trifft auch für den Kleriker zu. Die Definition des Laien ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine offene Frage.

Im Herbst 1987 widmete sich eine Bischofssynode der Klärung dieses Problems. Die ihr vorgegebene Warnung vor einer "Klerikalisierung des Laien und einer Laisierung des Klerus" blieb jedoch der vorkonziliaren gegenseitigen Ausschließlichkeit von Klerus und Laien verhaftet, die das Konzil bereits überwunden hatte. Die Festlegung der Laien auf den "Weltdienst", die im Umfeld dieser Synode eine gewisse Rolle spielte, scheiterte angesichts der zahlreichen Konzilsaussagen, zufolge derer der Laie Verantwortung in Welt und Kirche ausübt. Die Bemühungen, den Laien so zu definieren, dass seine Sendung zutreffend umrissen und nicht gleichzeitig auch die Aufgaben des Klerus damit beschrieben werden, waren nicht erfolgreich.

Vielleicht findet man auf die Frage: "Was ist ein Laie?" deshalb keine zureichende Antwort, weil sie falsch gestellt ist, und auf eine falsch gestellte Frage kann es nun einmal keine richtige Antwort geben. Einen Hinweis darauf, die Frage könnte falsch gestellt sein, ergibt sich aus dem Vergleich mit den Gesellschaftsordnungen, in denen es nirgendwo eine Sammelbezeichnung für jene gibt, die kein besonderes Amt ausüben, die keine hoheitliche Funktion haben. Begriffe. wie "Bürger" oder "Volk" bezeichnen alle Angehörigen eines Staates, niemals nur die Nicht-Beamten. Es gibt im staatlichen Bereich keinen Begriff, der die NichtBeamten zu einer eigenen Gruppe zusammenfassen und sie gegenüber den Beamten abgrenzen würde. Zwar können die Beamten eine eigene Gruppe bilden, für sie gibt es einen eigenen Namen, nicht aber für die Nicht-Beamten. Für den kirchlichen Begriff "Laie" gibt es im staatlichen Bereich kein Analogon. Handelnde Subjekte im Staat sind das Volk, sind die Beamten, die "Nicht-Beamten" sind keine in sich stehende Realität. In kirchenrechtlicher Perspektive wird heute die These aufgestellt, dass dem Wort "Laie" keine kirchliche Realität entspricht, und dies sei der Grund, warum sich dieser Begriff als nicht definierbar herausstellt. *9

Glaubende und Getaufte

Diese rechtliche Überlegung trifft sich mit der biblischen Besinnung. Der Begriff laós wird an allen theologisch bedeutsamen Stellen nicht auf die einfachen Leute im Gegensatz zu den geistlichen und weltlichen Führern des Volkes bezogen, sondern er umschreibt die Glaubenden und Getauften im Gegensatz zu den Nichtgetauften und Nichtglaubenden. Die große Trennungslinie verläuft zwischen dem Volk und dem Nicht-Volk, den Glaubenden und den Ungläubigen. Und der Begriff laikós, der einen Unterschied innerhalb des Volkes zum Ausdruck bringen könnte, wird im Neuen Testament geradezu ängstlich vermieden. Das bedeutet nicht, dass es innerhalb des Volkes Gottes nach neutestamentlichem Zeugnis nicht besondere Aufgaben und Funktionen gegeben hätte: bestimmte Charismen und Ämter, die spontan oder im Auftrag, auf Zeit oder auf Dauer ausgeübt wurden. Aber nirgendwo finden wir einen Hinweis darauf, dass die Gemeindemitglieder mit besonderer charismatischer und amtlicher Vollmacht nicht mehr zum Volk gehört hätten. Es waren eben alle Brüder und Schwestern. Um diesem biblischen Sprachgebrauch gerecht zu werden, hat man in der neutestamentlichen Exegese vorgeschlagen, "auf den Hilfsbegriff 'Laie' zu verzichten und sich stärker an den neutestamentlichen Gemeindeordnungen zu orientieren. Sie kamen ohne den Hilfsbegriff 'Laie' aus, nahmen die Basis ernst und benannten nur die Dienstämter eigens" *10.

Volk Gottes sind alle

Wenn hier die These zur Diskussion gestellt wird, der Begriff Laie sei deswegen nicht definierbar, weil er irreführend ist, weil ihm keine kirchliche Wirklichkeit entspricht, dann bedeutet das keine Rückkehr zur alten "Hierarchologie". Ganz im Gegenteil: es gilt, den Begriff laós wieder in dem Sinne ernst zu nehmen, den er vom Ursprung her hatte, nämlich als Bezeichnung für das Volk Gottes, für die Kirche als ganze. Wenn wir eine rechte Theologie und Praxis des Volkes Gottes hätten, bräuchten wir keine eigene Theologie des Laien. Die Besinnung auf den Laien, die derzeit weithin gefordert wird, sollte übergehen in eine Besinnung auf das Volk Gottes, seine Gestalt und seine Strukturen.

Diese These widerspricht nicht der Aussage, dass es in der Kirche verschiedene Dienste und Ämter geben muss, die bestimmte Aufgaben zu vollziehen haben. Ohne sie wäre das Volk nicht das Volk Gottes, nicht die Kirche. Das gilt vor allem für das durch Ordination verliehene Amt. Aber diese Ämter stehen im Volk Gottes, im laós, nicht über ihm. Und nichts berechtigt, jene, die kein Amt haben, als "Laien" im negativen Sinn abzuqualifizieren. "Aus der Ordination' der einen darf nicht eine Subordination' der anderen werden," *11

entnommen aus den Unterlagen zur PGR-Arbeit der Diözese München-Freising
Handbuch für den Pfarrgemeinderat
1.2 Das Selbstverständnis der Laien
Peter Neuner


 

*1 Wetzer und Welte's Kirchenlexikon, Bd. VII, Freiburg 1891, Sp. 1323.
*2 Siehe hierzu p. Nenner, Der Laie und das Gottesvolk, Frankfurt 1988, 136-155. DH 4850-4858.
*3 M. Rade, Das Königliche Priestertum der Gläubigen und seine Forderungen an die evangelische Kirche unserer Zeit, Tübingen 1918, 4 f.
*4 So H.H. Walz, Laienbewegung, in RGG 4, Sp. 205.
*5 Hierzu ist immer noch klassisch Y Congar, Der Laie, 3. Aufl. Stuttgart 1964.
*6 So J. Ratzinger, Die christliche Brüderlichkeit, München 1960, 58 f.
*7 Texte zur Theologie, Dogmatik Bd. 5: Ekklesiologie, bearb. v. P. Neuner, Graz-Wien-Köln 1994, Nr. 78.
*8 Zitate bei P Neuner, Der Laie und das Gottesvolk, 108 A 11.
*9 Vgl. hierzu M. Kaiser, Die Laien, in: Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg 1983, 184-189.
*10 A. Weiser, Diskussion über den Laien, in: Christ in der Gegenwart 39 (1987), 236.
*11 P. M. Zulehner, Das Gottesgerücht, Düsseldorf 1987, 74.